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Perspektive ZFA – New Work in der Zahnarztpraxis?

Perspektive ZFA – New Work in der Zahnarztpraxis?

Zwei Zahnärztinnen teilen sich eine Auszubildende in der Assistenz. Zugegeben, ein Extremfall. Und dennoch Alltagssituation einer Praxis im Rheinland. Dieses Beispiel bringt es auf den Punkt: Viele Dinge rund um den Assistenzbereich in der Zahnarztpraxis funktionieren nicht mehr so, wie sie jahrzehntelang funktioniert haben. Man kann das bedauern – oder Chancen dahinter erkennen.

Fest steht: Es hat erhebliches Unzufriedenheitspotenzial, wenn Zahnärzt*innen ihre Profession beherrschen, aber ihre Stärken nicht voll ausspielen können, weil Personen fehlen, die sie dabei (qualifiziert) unterstützen. Spätestens mit Ausfall von Behandlungsstunden mangels Assistenz zerbröseln Gewissheiten und Zahnarztpraxen beginnen zu verstehen, dass Gewohnheiten auf den Prüfstand kommen dürfen.

Die Zahnarztpraxis der Zukunft als attraktiver Arbeitgeber

Was wollen sie denn, die ZFAs, die ZMPs und die potenziellen Auszubildenden? Wie können wir uns als Praxis ändern, um bei ihnen als Arbeitgeber aufs Radar zu kommen? Und dort auch zu bleiben? Aus solchen Fragen kann Raum entstehen für verändertes Denken und Handeln.

Und ja: Man kann sie finden, die Zahnarztpraxen, die alte Pfade verlassen und neue Dinge probieren.

Darunter etwa:

  • 4-Tage-Woche als Standard
  • systematische Aufrüstung von Führungskompetenzen; das Erlernen von Methoden für professionelles Feedback und wertschätzende, zeitgemäße Entwicklungsgespräche
  • Azubigehälter in etwa auf dem Niveau kaufmännischer Ausbildungsberufe (rund 350 € pro Monat über ZFA-Azubi-Tarif hilft schon was)
  • strukturierte innerbetriebliche Qualifizierung, sowohl für Azubis als auch für etablierte ZFAs (ja: Weiterentwicklung und Karriere funktionieren durchaus auch im Berufsbild ZFA)
  • kooperative Führung, Mitspracherecht, weitgehende Abschaffung von Hierarchiekultur und Silodenken (als logische Konsequenz einer echten Mindset-Veränderung auf der Chefebene)
  • bis zu 20 Urlaubstage mehr pro Jahr im Gegenzug für engagierte Arbeitsbereitschaft in ungeliebten Dienstplanslots (späterer Abend, samstags, Notdienst)
  • faire Bezahlung
  • systematische Anpassungsqualifizierungen für Quereinsteiger
  • und vieles mehr

Da mag sich der eine oder die andere die Haare raufen. Fakt ist: Mit Mehr vom Gewohnten kommt man nicht weiter. Es braucht Initiativen von Gewicht, damit sich Wirkungschancen tatsächlich entfalten können.

Das wichtigste Prinzip bei Veränderungen

Dabei gilt das wichtigste Prinzip des Change Managements: Betroffene zu Beteiligten machen. Keine Aktionen nach Gutsherrenart vom grünen Tisch, denn: Die besten, wirklich treffsicheren Ideen und Maßnahmen entstehen im offenen Gespräch mit denen, die es betrifft – den Mitarbeiter*innen. Sie helfen ihren Chefs und Chefinnen bei der Entwicklung zukunftsweisender Maßnahmen. Sofern diese bereit sind, aufrichtig hinzuhören, sie zu integrieren und Worten auch Taten folgen zu lassen.

Und ja, dafür braucht es neben der Bereitschaft, die essenziellen Fragen zu stellen auch Zeiten zum Reden, Ermutigen und gemeinsamen Brainstormen. An initialen Workshops und anschließenden regelmäßigen, verlässlichen Meetings führt kein Weg vorbei. Während der Arbeitszeit? Selbstverständlich. Die unreflektierte Erwartung unbezahlter Überstunden war bei dieser Gehaltsklasse ohnehin nie anständig und ist glücklicherweise inzwischen weitgehend Geschichte. 

Angemessenes Gehalt ist ein Basis-Baustein

Apropos Geld: Die Bezahlung muss stimmen. Ansonsten wechseln die Menschen zunächst die Praxis und reihen sich später in die Scharen ein, die den Beruf komplett verlassen. Oder ihn gar nicht erst antreten: Die Assistenzberufe sind traditionell unterbezahlt; Gehälter knapp über Mindestlohn immer noch eher die Regel als die Ausnahme. Der ZFA-Beruf rangiert seit Jahren verlässlich im Keller der Beliebtheitsskala. Schade, denn der Beruf hat zweifellos Substanz und erhebliches Potenzial. Auch viele unerschütterliche Fans, die ihn tagtäglich mit Leidenschaft ausüben. Es könnten sehr viele mehr sein – aber eben nicht in den alten, verkrusteten Strukturen. 

Ein Rechenbeispiel
Wie viel ZFA-Gehalt muss draufgelegt werden? Kommt auf die individuelle Praxissituation an. Je tiefer unten, desto größer der Nachholbedarf. Heißer Tipp: beim Thema Geld nicht impulsiv in die Abwehrhaltung gehen und womöglich an die steigende Personalkostenquote denken. Das führt in die Sackgasse. Stattdessen einfach mal den Taschenrechner nehmen: 500 Euro brutto mehr pro Monat pro Vollzeit-ZFA sind bei 10 Vollzeit-ZFA (oder 6 in Vollzeit und 8 mit halber Stundenzahl) 72.600 Euro pro Jahr – inklusive 21 Prozent Arbeitgeber-Nebenkosten.

Schockiert? Durchatmen. Und dann den Blick auf die Einnahmenseite der Praxis richten mit der Perspektive: Wie hoch muss das Einnahmenplus sein, um die 72.600 Euro zu kompensieren. Bei 220 Arbeitstagen und 6 Prozent Materialkostenquote sind es rund 350 Euro pro Arbeitstag – für die gesamte Praxis versteht sich. Das Rechenbeispiel passt zu einer 4-Behandler-Praxis. 350 Euro für alle zusammen pro Tag – dürfte machbar sein, oder? 

So gelingen deutlich höhere Wertbeiträge

Unsere Beobachtungen und langen Controlling-Datenreihen aus zahlreichen Praxen legen nahe, dass ein motiviertes Team nicht nur das für die höhere Bezahlung notwendige Umsatzplus erzeugt, sondern sogar einen wesentlich höheren Wertbeitrag leistet. Mitarbeiter*innen, die sich fair bezahlt und im Praxisklima wohlfühlen, sind in aller Regel äußerst bereit, positive Leistungsroutinen zu pflegen und an der Organisationseffizienz der Praxis mitzuwirken. 

Ohnehin lohnt es sich nicht, über die Sinnhaftigkeit höherer Vergütung zu diskutieren. Mehr Geld ist ein zwingender Basis-Baustein für eine ZFA-New-Work-Gesamtstrategie. Wohlbemerkt: Ein Basis-Baustein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zahnarztpraxen brauchen grundlegend veränderte Konzepte, um für Assistenzberufe wieder attraktiv zu werden. Anstrengend? Zweifellos. Ungewohnt? Auf jeden Fall. Gleichzeitig: Wer sich darauf einlässt, hat die faszinierende Aussicht auf routiniert glatte, erfreuliche (honorarstarke) Praxistage, in denen über die gesamte Behandlungszeit top ausgebildete Assistenzen mitdenken und segensreich agieren.

BWL als Hilfestellung

Honorarstark – hört sich gut an? Hier lauert allerdings auch die zentrale Falle: Das beliebte betriebswirtschaftliche Durchdenken der Materie hilft zweifellos bei der Entwicklung handlungsleitender Erkenntnisse. Auch die Praxissteuerung mit Kennzahlen ist ein gutes Prinzip. Allerdings: Mit der Betriebswirtschaft darf man es nicht übertreiben. Wer nur in Geldkategorien denkt und handelt, kultiviert Söldnertum anstelle eines menschlich-warmen, positiven Teamklimas. 

Der Handlungsansatz für den Transfer von Praxiszielen auf die Handlungsebene liegt einerseits im Sozialen. In der Arbeit an der Qualität des zwischenmenschlichen Gefüges innerhalb des Praxisteams und in dem Erkennen und Fördern individueller Stärken. 

Und andererseits in den Organisationsprozessen. Allein in den Möglichkeiten systematischer Delegation (Röntgen, Abdrücke, Provis herstellen, Füllungsalternativen aufklären etc.) liegen Schätze verborgen: Sowohl für die ZFA-Motivationswirkung, die dem Gefühl selbstverantwortlichen Arbeitens entspringt, als auch hinsichtlich der Hebelwirkung für den zahnärztlichen Stundensatz, der sich aus der Entlastung ergibt. Dabei ist ein tiefes Verständnis für die Entstehung von Wertschöpfung, also deren Einflussfaktoren und die Wechselwirkungen auf tieferen Ebenen, sehr hilfreich. Dieses Wissen und die entsprechenden Führungsfähigkeiten können erlernt werden. 

Fazit
Vorbehaltloses, inspiriertes neues Denken ist der Grundbaustein für das Erkennen und Nutzen der Schlüsselpotenziale des ZFA-Berufs. Daraus entstehend vielfältige Zukunftschancen – für den einzelnen Menschen ebenso wie für die Praxis und die gesamte Branche. 

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